THE HAUS - beste urbane Kunst als temporäres Popup



THE HAUS heißt die größte temporäre urbane Kunstgalerie der Welt - mit mehr als 100 Räumen coolster Streetart, die gerade in Berlin eröffnet hat. Für ganze 8 Wochen. Danach ist Schluß. Im Juni wird das Haus, eine ehemalige Bank im Herzen Berlins, vollständig abgerissen - zusammen mit der Kunst, die dann unwiderbringlich verloren ist. Jede Wand, jede Decke, jeder Boden ist gestaltet - gesprayt, geklebt, getaped oder bemoost (mit Joghurtkulturen)- der Kreativität der Künstler waren keine Grenzen gesetzt. Alles in zwei Monaten geschaffen, um zerstört zu werden. Eine einmalige Erfahrung für Künstler und Besucher. Da muß ich hin!

Und was liegt näher, als sich seine 80 jährige Tante, die ein Dauerabo der Berliner Philharmoniker besitzt, die Nationalgalerie ihr zweites Zuhause nennt und von Streetart wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben gehört hat, als Begleitung zu schnappen?

Ich verabrede mich mit ihr vor dem alten Bankhaus. 14 Uhr wollen wir 'rein. Was ich nicht weiß: "BERLINARTBANG" hat sich längst 'rumgesprochen. Da immer nur 199 Besucher gleichzeitig ins Gebäude dürfen, beträgt die prognostizierte Wartezeit 2,5 Stunden. Wir stehen ganz hinten, es ist kalt und es regnet. Vielleicht doch keine so gute Idee, die 80 jährige Dame mitzunehmen?

Aber meine Tante ist ausstellungserprobt. Sie fragt sich durch und bucht uns mal eben spontan in die geführte Tour ein, die in zwei Minuten beginnt. Auf englisch. Ein einzelner Platz ist noch frei, aber wer kann ihr schon den Wunsch nach einer Extrawurst und zwei Plätzen abschlagen? Eine gute Idee, die 80 jährige Tante dabei zu haben. Nicht nur wegen der fehlenden Wartezeit ist die geführte Tour die beste Idee überhaupt.


Denn die Führungen werden von den Künstlern höchst persönlich übernommen. Wir gehen mit Giullermo S. Quintana aus Mexiko, einem sehr sympathischen Mann, der sich auf das "Tapen" spezialisiert hat. Für seinen Raum bzw. Flur in der dritten Etage hat er einen kompletten Kilometer (!) neonfarbenes Tape- bzw. Klebeband verbraucht. Sehr faszinierend. Wir dürfen keine Fotos machen - nicht ein einziges, nicht mal einen kleinen Ausschnitt. Es heißt also im ganzen Haus: erfahren, genießen und erinnern. Und später den Katalog kaufen.

Wir beginnen in der fünften Etage und gehen durch jeden Raum. Einer spannender als der andere. Ich kann hier leider nicht über jeden Raum schreiben, 108 sind einfach zu viele. Mal ganz abgesehen davon, daß ich mich ohne Katalog auch nicht an 108 einzelne Projekte erinnern kann. Reizüberflutung pur. Aber im absolut positiven Sinne. Alle sind begeistert, auch meine Tante. Sie steht minutenlang in Raum 501, erschaffen von der Klebebande, und erfühlt die schwarz weiß beklebten Wände. Ich nehme einen Flyer zum Abfotografieren mit, damit Ihr einmal eine Idee von diesem Raum bekommt. Alle Wände sind von oben bis unten in dieser Art beklebt. Wahnsinn!


Die Geschichten, die Giullermo und später ein Mitglied der Künstlergruppe "Drink and Draw Berlin" erzählen, sind sehr spannend. Allein dafür lohnt sich das Buchen der Gruppe. Wir erfahren, wer die jeweiligen Künstler sind, woher sie kommen, wieviel Zeit sie für die Gestaltung ihrer Räume hatten (manche haben gerademal zwei Tage in "The Haus" gearbeitet) und viele kleine Geschichten aus der kurzen Geschichte der Ausstellung. Masha zum Beispiel hat 5000 (!) Eddings für ihren Raum verwendet, ein anderer Raum verbreitete tagelang einen ekligen Gestank, und wieder ein anderer Raum scheint erotische Fantasien zu beflügeln, es wurden wohl schon einige Pärchen inflagranti erwischt ... ;-)

168 internationale junge Künstler stellen hier aus, 200 mehr standen auf der Warteliste und kamen nicht zum Zuge. Bezahlt wurden sie für ihre Arbeit nicht, aber die Materialien und das Bier wurden gesponsert.

Wir arbeiten uns Etage für Etage vor. Jeder Winkel ist gestaltet, sogar die Toiletten. Ich glaube, man darf sie sogar benutzen, es traut sich aber niemand, schließlich will man ja nicht inventarisiert werden.

Und dann kommt Raum 310. Ein Raum voller nackter und halbnackter Frauen an den Wänden. Hier darf tatsächlich fotografiert werden. Nicht die Kunst an den Wänden, sondern in einer Fotobox! Guillermo erzählt, wie ungerecht es sei, daß Männer oben ohne laufen dürften, während das bei Frauen tabuisiert wäre. Zum Ausgleich könnte man ja in die Box - oben ohne ;-) Kurzes betretenes Schweigen in der Gruppe. Schließlich geht eine Griechin in die Box und läßt sich ablichten. Meine Tante ist entsetzt. "Hat sie sich ausgezogen? Hat sie sich wirklich ausgezogen?" - Nein, hat sie nicht. Sie sitzt einfach nur in der Box und läßt sich fotografieren.

Und jetzt kommt's: meine Tante ist die nächste! Sie geht in die Box, zahlt 2€ und läßt sich fotografieren - mit Giullermo S. Quintana und dem besagten Mitglied der Künstlergruppe "Drink and Draw". Ich jubele.

Zwei Fotos wären noch übrig, meint eine Stimme aus dem Automaten. Und das Ergebnis: zwei Fotos oben ohne und meine 80 jährige Tante mitten drin. Sie erträgt es tapfer und kommt fröhlich kichernd aus der Box.


2,5 Stunden dauert die Führung durch das Haus. Anstrengend, aber jede Minute ist es wert. Meine Tante und ich legen Euch die Ausstellung wärmstens ans Herz. Sie ist eine einmalige Erfahrung. Und wenn nicht jetzt, dann ... aber das hatten wir ja schon.

The Haus findet Ihr in der Nürnberger Straße 68/69, gleich gegenüber vom Zoo. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei, aber es wird um eine Spende gebeten.

Die offizielle Seite, auch zum Buchen von Führungen, ist http://thehaus.de/