Mein 30.


Ich weiß, was Du heute vor 30 Jahren getan hast!

Mit diesen Worten wurde ich heute morgen per Whatsapp geweckt. An jedem anderen Tag hätte ich ein verschlafenes Fragezeichen zurückgeschickt. Aber nicht heute. Denn nachdem der Deutschlandfunk gestern schon ausführlich berichtet hatte, wußte ich auf den Tag genau, welches Jubiläum heute ansteht.

Heute vor 30 Jahren begann meine Konzertkarriere.

Am 7. März 1988 spielten Depeche Mode in Ost-Berlin in der Werner-Seelenbinder-Halle. Ein Riesenevent für Depeche Mode Fans wie mich. Und ein Riesenproblem gleich dazu. Denn wie an Karten herankommen, wenn sie linientreuen FDJ- (das stand für die Jugendorganisation) und SED-Parteimitgliedern vorbehalten waren?

Und wie damit umgehen, daß deine engste Freundin, die die Band weder mochte noch besonders gut kannte, eine Karte bekam, sie aber nicht weitergab? Eine Karte zu diesem einmaligen Event, das sich nie, buchstäblich NIE, jemals wiederholen wird.

Und so begann die Jagd nach einer Karte. Eltern, Freunde, Kollegen der Eltern, Nachbarn, die möglicherweise jemanden kannten, der jemanden kannte ... - alle wurden gefragt und angegefleht zu helfen. Die Tage vergingen, der Druck wurde größer und der Erfolg: Null. Keine Karte in Sicht. Pure Verzweiflung.

Dann kam Paola. Eine Mitschülerin aus Brasilien, die als Diplomatentochter viele andere Diplomatentöchter zur Freundin hatte. Sie sagte mir, ich solle mal bitte in die Schulaula gehen und dort auf eine Zwölftklässlerin warten.

Ich ging und wartete. Die Zwölftklässlerin kam. Sie hatte einen Umschlag in der Hand und fragte mich, was er mir wert sei. Nachdem ich den vielfachen Preis gezahlt hatte (ich glaube den 10 fachen), hatte ich mein Depeche Mode Ticket in der Hand und fing an zu weinen. Völlig überwältigt. Vor Glück, diese originale Karte zu haben und vor Rührung, daß sich so viele Freunde gekümmert haben. Die Zwölftklässlerin war leicht verunsichert wegen der Tränen und meinte, sie hätte mir die Karte auch geschenkt, wenn sie gewußt hätte, wieviel sie mir bedeutet. Das Geld hat sie dann aber trotzdem behalten ;-)

Und so war ich am 7. März beim Konzert. Gemeinsam mit meinem Cousin stand ich vor der Bühne bei meinem ersten Depeche Mode Konzert. Viele andere mußten draußen bleiben, weil sie auf gefälschte Karten hereingefallen waren, keine bekommen hatten oder nicht einmal etwas von dem Event wußten. Das Konzert selbst war unglaublich emotional. Dieser Funke von Freiheit, Hoffnung und natürlich die Musik waren einzigartig. Aber ehrlich gesagt hätte Dave Gahan auf der Bühne auch Alle meine Entchen singen können - es wäre immernoch das Ereignis meiner Jugend gewesen ;-)

Die Freundschaft zu meiner jahrelangen besten Freundin war danach übrigens kaputt. Wir haben nie wieder mehr als "Hallo" und "wie geht's?" ausgetauscht. Ob ihr das Konzert gefallen hat? Keine Ahnung ...


Dreißig Jahre später gehe ich immernoch zu den Touren. Egal, ob es regnet oder wie letztes Jahr in Leipzig mit 30 Grad kaum auszuhalten ist. Und jedesmal, wenn die Band auf die Bühne kommt, erlebe ich ein klein wenig dasselbe wie damals. Diesen Funken von Freiheit, Begeisterung und Glück. Jedes Mal wieder.